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Liebe Leserinnen und Leser!

Ich möchte Ihnen hier eine Frau vorstellen, die mich beeindruckt hat. Jasmina Marks hat mir auf dem Kirchentag in Bremen von sich erzählt. Sie hat ein schweres Schicksal hinter sich, sie hat immer wieder schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht, und davon schreibt sie, denn sie will, dass wir ihr zuhören.

Sie ist Ende 30, geboren in einem Dritte-Welt-Land, als Kleinkind von einem deutschen Ehepaar adoptiert, aber offenbar war der Adoptivvater pädophil veranlagt. So wurde Jasmina von klein auf eingeschlossen, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt, missbraucht. Beruflich kam sie nicht voran, sie war psychisch eingeschränkt. Ihr fehlte das Vertrauen in andere Menschen, und sie konnte nicht unterscheiden: wer ist vertrauenswürdig und wer nicht? So scheiterten Beziehungen zu Männern – sie erlebte sich als ausgenutzt, einer wollte sie zur Prostituierten „abrichten“ aber auch Freundschaften mit Frauen gestalteten sich problematisch: einige waren zwar bereit, ihr als Opfer Mitleid zu schenken, den mühsamen Weg aus der Opferrolle heraus, den musste Jasmina allein gehen. Das waren immer wieder äußerst schmerzhafte Erfahrungen. Eine dieser „Freundinnen“ wurde zu einer Feindin, die ihr Insiderwissen benutzte, um Jasmina mit falschen Beschuldigungen zu verleumden.

1992 fand Jasmina endlich eine verlässliche Vertrauensperson in ihrer Betreuerin und gewann ganz allmählich dadurch eine gewisse Stärke, aus der heraus sie aktiv werden konnte.

1999 stellte sie dann einen Strafantrag gegen den Adoptivvater. Bei einem Glaubwürdigkeitsgutachten wurde sie jedoch als „schizophren“ eingestuft, ihr wurde nicht geglaubt. So kam nach den entwürdigenden und demütigenden Erfahrungen eine weitere auf einer anderen Ebene dazu. Ein Gericht bestätigte ihr im Nachhinein durch diese Entscheidung: du bist nichts wert, du hast dein Schicksal verdient.

Wieder wurde ihr Wille gebrochen. Verdrängen ging nicht, sie entschloss sich zu einer Therapie und zum Alleinleben mit ihren beiden Söhnen.

Beruflichen Anforderungen konnte sie aufgrund ihrer psychischen Probleme, ihrer Ängste und Depressionen, nicht genügen. Sie lebt zurzeit von Sozialhilfe, das bedeutet: finanziell große Einschränkungen, aber immerhin etwas Luft zum Atemholen und Innehalten.

Acht Jahre später – ein Ergebnis der Therapie: Jasmina stellte erneut den Strafantrag gegen ihren Adoptivvater. In diesem Zusammenhang wurde ihre frühere Einstufung „schizophren“ als falsch anerkannt, jedoch war es ihr nicht mehr möglich, Zeuginnen oder Zeugen für ihre Beschuldigungen beizubringen. So scheiterte auch dieser Versuch der Rehabilitation.

Aus diesem Grunde entschloss sich Jasmina Marks, zu schreiben: „Meine einzige Möglichkeit war stets der Computer: zu schreiben, wie es mir geht, loszuwerden, was mich quält mit der unumstößlichen Sicherheit, dass ein Computer wohl nicht bei der nächsten Gelegenheit gegen mich verwenden wird, was ich ihm anvertraue!!!“ Davon handeln die folgenden beiden Texte. Ich empfehle Sie Ihnen sehr als Originalzeugnisse einer Frau, die einen Weg gesucht hat, sich Gehör zu verschaffen. Diese Plattform möchte ich ihr gern zur Verfügung stellen.

Jasmina Marks

                    Das Kartenhaus


Mit viel Geduld und unzähligen Karten, hunderten von Karten, hatte sie in mühevoller Kleinarbeit Monate gebraucht, um allein die erste Reihe aufzustellen. Stundenlang hatte sie eine Karte an die andere gestellt, weil die unterste zugleich die stabilste von allen sein musste. Auf ihr hatte alles Weitere aufgebaut werden müssen. Das Fundament musste auf ihrem Selbst stehen. Sie musste sich auf sich selbst besinnen, darauf, wer sie wirklich war. Sie musste hinter sich lassen, was man ihr abverlangt und was ihr Leben für so lange Zeit beherrscht hatte.

Das schwerste war der Anfang. Alles hatte mit einem riesigen Haufen sinnlos verstreuter Karten begonnen. Nichts war mehr in ihrem Leben da, wo es gewesen war. Was zunächst wie ein gnadenloses Chaos ausgesehen hatte, das nur einen ebenso gnadenlosen Untergang zur Folge haben konnte, erwies sich dann aber als Chance. Das Ende der Zeit, in der sie gezwungen war, jegliche Grausamkeit über sich ergehen zu lassen, war nicht das Ende ihres Daseins! Auch wenn sie das lange geglaubt hatte, so kam es anders. Es war ein Neubeginn, der nun in einem totalen Durcheinander vor ihr lag. Nach vielen Jahren Qual musste sie endlich anfangen, sich ihren Wunden zu stellen und versuchen, diese irgendwie hinter sich zu lassen. Sie wusste, dass es keinen anderen Weg geben würde, wenn sie in der Zukunft irgendwie bestehen wollte, leben wollen würde.

Zunächst hockte sie da, inmitten dieses irrsinnigen Haufens und während sie sich umschaute, begann sich allmählich der so fest in ihrem Hals steckende Kloß zu lösen. Leise rannen ihr die ersten Tränen über die Wangen und noch während sie versuchte, keinen Laut von sich geben, spürte sie ihn unaufhaltsam aus sich heraus brechen. Zum ersten Mal in ihrem Leben weinte sie, ohne geschlagen zu werden oder gezwungen zu sein, die Luft anhalten zu müssen.

Sie weinte heftig und konnte sich für lange Zeit nicht wirklich beruhigen. Sie erzitterte mit ihrem ganzen Dasein, sie würgte und erbrach, sie wusch sich stundenlang unter der Dusche und musste schließlich doch erkennen, wie sinnlos es war, den auf und in ihr abgeladenen Dreck so vieler Jahre abzuwaschen. Die Dreckkruste, in die sie sich eingehüllt fühlte, wurde davon nicht weniger – sie musste dieser Person entschlüpfen – sie musste begreifen, dass sie zwar den Körper nicht wechseln konnte, aber in ihm noch eine andere wohnte, diejenige, die sie tatsächlich war und die dennoch irgendwie überlebt hatte.

Das schwierigste war für sie zu erkennen, dass auch sie ein Recht hatte, über ihren Körper zu bestimmen und niemand sonst, ganz egal, was man ihr von klein auf eingeprügelt hatte. Es entsprach nicht dem, was richtig war und es war ein Verbrechen.

Nur zögernd stellte sie eine Karte nach der anderen auf. Hielt zwischendurch inne, weil sie einfach nicht sicher war, nicht glauben konnte, dass sie es wert sein könnte. Es konnte auch für sie anders sein, als es bisher in ihrem Leben gewesen war – anders als in der Zeit, in der man sie einfach als verhaltensgestört und bescheuert abgestempelt hatte. Man ihr durch Gewalt bewies, dass es sich ohnehin nicht lohnte, sie wahr, geschweige denn ernst zu nehmen. Man ihr immer wieder einredete, dass ihr mit Sicherheit nicht geglaubt werden würde, egal, was sie versuchen würde, um sich zu befreien.
Und nun sollte sie sich über all jene boshaften Grausamkeiten hinwegsetzen und für sich von vorne anfangen? Sollte den Mut und die Stärke aufbringen, sich endgültig und ein für alle Male, von dieser sie zerreißenden Last zu befreien?

Nur langsam kam sie vorwärts, aber sie stellte unentwegt Karte für Karte auf. Sie baute sie in zwei Reihen, damit es auch stabil genug sei und sie nicht sofort bei der kleinsten Erschütterung erneut zusammenbrechen würden. Sie schöpfte Hoffnung und sie begann sogar daran zu glauben, dass es sich lohnen würde und auch daran, dass sie es wert war. Schleichend wuchs ein wunderschönes Kartenhaus heran, dessen Fundament allmählich Gestalt annahm. Im Viereck gebaut stand es da. Je mehr sie anfing, an eine Zukunft zu glauben, umso stärker wurde sie in ihrem Innern. Langsam versuchte sie, ihren Körper als das anzunehmen, was er war – der Sitz ihrer Seele und auch ihres Geistes. Sie merkte, wie wichtig es war, sich von innen her zu erneuern, in ein gewachsenes und gereiftes Selbst zu schlüpfen, das aus ihren tiefsten Wesensgründen entsprang. Was man ihr angetan hatte, hatte ihren Körper und ohne Zweifel auch ihr Selbst zerstört, aber es war äußerlicher Schmutz – in ihr drin, ganz weit unten, gab es sie noch. Mühsam begann sie sich daran zu erinnern, wer sie war. Jeder Schritt, den sie tat, war nun einer, in ein neues Leben. Und mit jedem dieser Schritte wuchs ihr Haus um eine weitere Karte. Sie entledigte sich der sie umhüllenden Dreckkruste, in dem sie sich vorstellte, diese Kruste zu sprengen, wie einen Kokon, ihm zu entspringen und sich, endlich sich selbst bei sich zu haben.

Sie versuchte, sich ernsthaften Auges im Spiegel zu betrachten und es verlangte ihr unendlich viel ab, sich einzugestehen, dass sie nicht wirklich hässlich war. Es war deshalb so schwer, weil ihr gesamtes früheres Denken darauf beruhte, wegen ihres Äußeren so wahnsinnig teuer bezahlen zu müssen, ihr Aussehen als Strafe betrachtet hatte. – Nun nahm sie es als gegeben hin, dass sie aussah, wie es ihr Spiegelbild wiedergab.

Dieser Punkt war schwerer als alles andere und darum brauchte sie dafür auch sehr lange. Die mangelnde Selbstachtung machte ein Vorwärtskommen vorübergehend nahezu unmöglich. Zu anstrengend um mal eben einfach so ihr Denken umzustellen. Es hatte sich eingebrannt in ihr, dass wenn sie hässlicher gewesen, ihr vielleicht manches erspart geblieben wäre, ihr die Umwelt nicht so übel vor den Kopf gestoßen hätte.

Erst ganz leise begriff sie, dass es jemandem, der einem anderen ganz bewusst Schaden zufügen will, egal ist, ob die Person hübsch oder hässlich ist. Wenn dir jemand etwas antun will, dann wird er es tun, egal wie du aussiehst! Aber noch weitaus wichtiger: wenn dich jemand von Grund auf nicht respektiert oder achtet, wird er es auch dann nicht tun, wenn du gut aussiehst! Eigentlich hatte sie sogar die Erfahrung gemacht, dass ein hübsch anzusehendes Äußeres verbunden mit einem freundlichen und offenen Wesen den Anstoß gegeben hatte, sie zu verletzen. Vielleicht war es auch ihre Ausstrahlung, die sie so angreifbar gemacht hatte. Doch konnte das tatsächlich ein Beginn sein, um zu sich zu finden, wenn sie nichts anderes tat, als nach Fehlern in ihrem Selbst zu suchen??? Was hätte sie alles an ihrem Verhalten ändern müssen, um ja niemandem mehr die Möglichkeit zu lassen, sie zu verletzen? Unwirsch stieß sie die zuletzt aufgestellten Karten wieder um. Wenn es ihre Freundlichkeit, ihr Aussehen und auch ihr Wesen war, das falsch sein sollte, dann blieb schlussendlich nichts mehr von ihr übrig! Um so zu sein, dass man sie in Ruhe ließ, hätte sie sich am Besten in Luft auflösen müssen. Die Beklemmung im Herzen schnürte ihr die Luft ab und es tat ihr weh. Konnte das denn noch der richtige Weg sein, auf dem sie sich vorwärts zu bewegen versuchte?

Nachdenklich hielt sie die Karten in ihren Händen, schaute abwechselnd auf das schon Stehende und dann wieder auf jene, die sie wieder umgeworfen hatte. Verstreut lagen sie vor ihr auf dem Boden. Je länger sie hin und her sah, umso klarer musste sie sich eingestehen, dass sie so nicht vorwärts kommen konnte. Mehr noch, dieser Ansatz war eindeutig der Falsche. Würde sie wirklich sicherer sein, wenn sie sich vergrub und nicht wagte, sich als diejenige zu zeigen, die sie auch war???

Ihr Körper war noch immer der gleiche, aber es war nun einmal ihrer. Sie konnte ihn nicht eintauschen in etwas anderes. Genauso wenig konnte sie ihr Wesen weiterhin unterdrücken. Was man zuvor über viele Jahre von ihr abverlangt hatte, war sie nun von sich aus fortzuführen bereit. Aber das war nicht richtig. Es lag in ihrer alleinigen Macht, ob sie sich von dem vermeintlichen äußeren Druck nieder strecken ließ oder aber für sich im Stillen den Versuch unternahm, sich endlich zu akzeptieren. Mit sanften Schritten horchte sie auf ihre Gefühle, entwickelte ein Gespür für sich selbst. Unmerklich nahm ein wichtiges Element im Dasein eines jeden Menschen seinen Lauf – sie begann sich in ihrer Haut wohl zu fühlen, sich zu spüren und es als gut zu heißen, dass sie sich fühlte.

Inzwischen war es ein ansehnliches und mehrstöckiges Kartenhaus geworden, das sie gebaut hatte. Ein beeindruckendes kleines Kunstwerk, so sehr Teil von ihr.

Oft stand sie lächelnd davor, war in Gedanken versunken und betrachtete ihre Entwicklung. Sie ließ ihren Werdegang an sich Revue passieren – hielt inne, um sich zu vergewissern, dass es ihr gelungen war, zu der zu werden, die sie war. Die sie sein wollte und es auch endlich durfte, nach so vielen Jahren der Qual endlich durfte!!!!

Und es wuchs noch etwas in ihr – ihr Stolz. Stolz über die vielen kleinen Schritte, die sie sich mühsam erarbeitet hatte. Es war eine besondere Leistung, die sie da erbracht hatte und sie war zu Recht stolz auf sich. Sie hatte den Mut aufgebracht, sich all den so schrecklichen Dingen zu stellen und auch dann nicht aufgegeben, als fürchterliche Alpträume sie quälten. Hart hatte sie sich über diese stets wieder kehrenden Erinnerungen hinweg zu setzen versucht und sich immer wieder daran fest gehalten, dass es nun vorbei war. In all den Monaten war sie weiter gelaufen, egal wie schwer und sinnlos es auch an mancher Stelle erschien. – Sie hatte ihr eigenes kleines Wunderwerk vollbracht: sie hatte sich selbst „geschaffen“ und dafür stand jenes stattliche Kartenhaus. Sie musste es behüten und bewahren, wie ihren innersten Schatz – denn ein zweites Mal durch eben dieselben Qualen und Nöte zu gehen, würde ihr nicht gelingen. Nur schwerlich konnte sie jene tiefe Angst in sich verleugnen, dass dieses Kunstwerk zerbrechlich war und solange es nicht auf sicherem Boden stand, würde ein Windstoß genügen, und alles musste von neuem beginnen. Irgendwie beschlich sie die Ahnung, dass es keinerlei Schutz davor geben konnte, also blieb nur zu hoffen übrig, dass jenes Unglück an ihr vorüber ziehen würde. Vielleicht, so dachte sie, war diese Art der Vernichtung längst beendet und je weniger sie damit rechnete, umso geringer die Chance, dass noch einmal alles dahin wäre.

Aber wie so oft im Leben kommt alles anders, als man denkt. Und nicht nur das, es gibt auch selten die Möglichkeit, sich auf einen eventuellen erneuten Zusammenbruch einzustellen. Wenn es geschieht, passiert es unvorhersehbar und vollkommen unvermittelt. Meistens noch aus einer Richtung, auf die man niemals gekommen wäre.

Mit einem gigantischen Knall stürzte das Kartenhaus zu Boden und sie stand hilflos daneben, unfähig dem offenen Toben dieses unerwarteten Sturmes mit seiner Gewalt Einhalt zu gebieten.

Wie erstarrt saß sie lange über dem Haufen zerstreuter Karten, die sich vor ihr auf dem Boden ausbreiteten. Fassungslos konnte sie es nicht glauben, saß da wie betäubt. Niemals hätte sie gedacht, dass es eine Macht geben könnte, die so wütete, dass nichts, aber auch gar nichts hatte stehen bleiben können. Sämtliche Etagen und das Fundament waren dahin gefegt und so oft sie auch in den Berg der Karten griff, es änderte nichts an dem endgültigen Zusammenbruch. Beinahe so, als müsste sie sich durch das wahllose Hineingreifen in die Teile des einst so stolz dastehenden Hauses davon überzeugen, dass es wirklich zerstört worden war. Um begreifen zu können, dass die solange währende Arbeit, der Kampf mit sich und ihren Wunden einfach vergeblich gewesen ist!

Die Enttäuschung und der Schmerz lähmten sie für lange Zeit, in der sie einfach nicht erfassen konnte, wie das alles hatte geschehen können. Wie konnte es möglich gewesen sein, mit einem Wisch die mühsam errichteten Stockwerke zu vernichten? Und was noch viel schlimmer war, warum war anderen daran gelegen, sie erneut bedingungslos zu zerschmettern?

Wenn einem so anstrengenden Versuch, sich wieder aufzurichten, ein noch gewaltigerer Schlag folgte, der ausschließlich neuen Schmerz zum Ziel hatte, dann war es schlicht und ergreifend sinnlos. Dann war es pure Dummheit, all die Geduld und Anstrengung auf sich zu nehmen! Warum sollte sie es tun? Unaufhaltsam versank sie in der alten Zeit, von der sie einstmals gehofft hatte, sie hinter sich gelassen zu haben. Einfach liegen bleiben und nichts mehr tun, sich absenken ins Dunkel, nicht wieder von vorne anfangen müssen.

Es war viel zu schwer, als dass ihr dieser so lange währende Kampf ein zweites Mal würde gelingen können. Woher die Kraft nehmen, die sie brauchte? Woher den Glauben nehmen, dass nicht wieder etwas das Kartenhaus zum Einstürzen bringen würde? Konnte der Glaube allein denn beschützen vor Unglück? – Wohl kaum, aber inzwischen war es ihr einfach egal.
 
Das Strudeln in ihrem Kopf nahm stetig zu und eigentlich wollte sie nur, dass es einfach aufhörte. Nicht wieder die alten Bilder vor Augen haben, nicht wieder aus Angst vor neuen heftigen Alpträumen möglichst lange wach bleiben. Nicht wieder jeden Schritt beherrscht von nieder zwingenden Nöten dennoch zu gehen versuchen, obwohl doch schon längst vollkommen ausgelaugt. Keinerlei Kraftreserven, die was auch immer erleichtern könnten. Sie lag da und wollte nicht mehr. Eigentlich wollte sie gar nichts mehr und sie konnte sich auch nicht vorstellen, jemals wieder etwas zu wollen. Nein, diese Zeit war vorbei und würde auch nicht zurückkommen. Je länger sie auf die daliegenden Karten schaute, umso sicherer wurde sie sich darüber, dass sie einfach still und leise gehen konnte. Vermutlich wäre das der eindeutig sicherste Weg, um vor neuem Schaden bewahrt bleiben zu können. Wenn sie es wenigstens hätte verstehen können, begreifen können, warum es sie jedes Mal wieder so grausam traf? Sich verkriechen, einfach aufhören zu existieren, vielleicht wäre das die beste Lösung all ihrer Probleme! Der Gedanke, es einfach nicht verdient zu haben, drängte sich auf und ließ keinem Zweifel Raum.

Aber das stimmte nicht wirklich und sie wusste das auch. Die Lähmung, die zu schwinden begann, machte einer irrsinnigen Wut Platz. Zorn darüber, dass es offensichtlich so einfach gewesen war, das schöne Kartenhaus zu zerstören! Mit welchem Recht kamen eigentlich andere daher und behandelten sie nicht nur vollkommen respektlos, sondern taten so, als sei es ein Spaß und ihr ureigenstes Recht, mit ihr zu spielen. Nein, das hatte sie nicht verdient und sie wuchs mit der stetig wachsenden Wut im Bauch zu einer stärker werdenden Person heran.

Gut, was geschehen war, ließ sich nicht einfach verwischen, aber dennoch musste und würde es einen Weg geben, sich dennoch aufzurichten.

Vielleicht konnte sie ihn noch nicht sehen und womöglich würde sie noch lange brauchen, um erneut den Haufen verstreuter Karten ordnen zu können. Vermutlich müsste sie eine nicht enden wollende Anlaufphase hinter sich bringen und etwas verändern, etwas ganz entscheidendes finden, um diesmal den erneuten Aufbau besser zu schützen – ihn so zu sichern, dass er nicht mehr würde einstürzen können....

Nicht wieder alles zerschmettert daliegen musste und der Weg ins ewige Dunkel nicht als der erlösende erscheinen konnte – die Wut würde ein unersetzlicher Helfer sein, darauf konnte sie bauen und mit der unmerklich wachsenden Hoffnung, dass es diesmal dauerhaft stehen bleiben würde, war die Sicherheit gegeben, dass sie früher oder später wieder beginnen würde, Karte für Karte aufzustellen.....
                   

Jasmina Marks

                Verzerrtes Spiegelbild

Mitten auf einer großen Fläche stand er, der aus groben Steinen gemauerte runde Brunnen. Nichts lenkte sonst von ihm ab und seine Erscheinung stach deutlich aus der Umgebung hervor. Kreisförmig schloss sich ein Gewirr aus den unterschiedlichsten Bäumen und Sträuchern um diese sonderbare Lichtung. Nur schwerlich waren Gestalten in diesem Dickicht auszumachen. Der Brunnen selbst hatte einen Aufbau, von dem ein Seil herunter hing. Ein kleines hölzernes Gefäß war an seinem Ende befestigt und ermöglichte plätschernd das kühle Nass herauf zu holen.

Zu dieser Stunde hockte sie da, mit dem Rücken an die raue Wand gelehnt und starrte vor sich hin. Warum sie dort so alleine saß, wusste sie nicht wirklich und bevor sie überhaupt sich darüber hätte klar werden können, geschah es, dass sie von vielerlei Seiten mit Steinen beworfen wurde. Einige trafen sie hart und manchmal war es viel zu anstrengend, ihnen auszuweichen. Längst hatte sie verstanden, dass sie ohnehin kaum Möglichkeiten hatte, um dem Hagel der Geschosse auszuweichen. Auch ein Versuch, sich von der offenen, so leicht anzugreifenden Stelle weg zu bewegen, hatte ihr einen noch erheblicheren Schwall eingebracht. Also blieb sie einfach dort sitzen, wo sie war und hoffte, dass es einfach aufhören würde.

Selten nutzte sie solche Augenblicke, wenn es sie denn einmal gab, und beugte sich leicht über den Rand nach vorne. Immer dann konnte sie es sehen – ihr Spiegelbild. Aber so oft sie sich auch ansah und zu ergründen versuchte, warum das alles passierte, so wenig konnte es ihr gelingen, den Sinn dahinter zu verstehen.

Eines Tages, als sie wieder an den Brunnenrand gelehnt dasaß und Gedanken verloren vor sich hin starrte, setzte es erneut ein. Unaufhörlich landeten große Steine neben ihr, die andere warfen. Ständig wurde sie getroffen. Sie wusste, dass man Sachen über sie sagte und Dinge tat, die sie sehr verletzten und sie als das Wesen, das sie war, gänzlich missachteten. Man handelte ausschließlich so, dass sie stets verzweifelt zurück blieb. Beinahe so, als sei ihre Zerstörung das eigentliche Ziel. Man nahm ihr jegliche Würde, indem man ihr glauben machen wollte, dass es ihr einfach nicht zustand, eigene Gefühle oder Wertigkeiten zu entwickeln. Sie warfen nach ihr – die anderen, die sie durch ihre Lügen in eine Einsamkeit zwangen, weil diese sie als einen Menschen darstellten, der sie doch gar nicht war. Überdeutlich fühlte sie, dass sie kein Mensch war, sondern eine Hülle, die zu funktionieren hatte, wie man es von ihr verlangte und das bedingungslos. Tat sie das nicht oder glaubte, sich weigern zu müssen, hatte das die Flut der geworfenen Steine zur Folge.

Das alleine war schon schlimm genug, wenngleich sie ganz tief in ihrem Innern diesen unermesslichen Drang spürte, doch auch als diejenige, die sie war, gesehen werden zu wollen. Warum war es so unmöglich? Warum wollte das keiner? Nachdenklich schaute sie sich um und musste erkennen, dass nahezu der ganze Platz von Steinen übersät war. Niemandem würde es gelingen, bis zu ihr vorzudringen, ohne zu stolpern. Aber das alleine würde noch immer nicht reichen, wenn man sie selbst sehen wollte. Man hätte sich noch über den Rand hinüber beugen müssen, um sie überhaupt erkennen zu können. War es da noch verwunderlich, dass sich niemand für sie selbst interessierte?

Hemmungslos rannen ihr die Tränen über die Wangen, weil sie einfach nicht wusste, wie sie gegen die Steinflut ankämpfen sollte. Solange niemand bereit war, diesen anstrengenden Weg zu ihr auf sich zu nehmen und sich zusätzlich über das hinweg zu setzen, was sie verfolgte, würde sie dort verharren müssen – ganz allein!

Es tat so unendlich weh, diesem Zustand hoffnungslos ausgesetzt zu sein. Krampfhaft beugte sie sich noch einmal über den Rand und betrachtete sich, als sie hart getroffen wurde. Blutend sank sie zu Boden und schrie gellend ihre Verzweiflung heraus. Was denn war an ihr so falsch, dass sie so hart bestraft wurde bei dem Versuch, sich wahrzunehmen?

Es dauerte lange, bis sie zur Ruhe kam. Dann aber schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, die Steine einfach in den Brunnen zu werfen. Vielleicht läge darin eine Chance, wenn sie versuchen würde, einen Weg zu sich frei zu räumen. Wenn dann gleichzeitig der Wasserspiegel stieg, wäre es einfacher, sich zu sehen…

Sie nahm all ihren Mut zusammen und erhob sich. Etwas unergründliches, nicht wirklich zu benennendes trieb sie an. Tief in ihrem Innern wusste sie unumstößlich, dass auch sie es wert war. Mühsam begann sie nun, Stein für Stein aufzusammeln und ihn über den Rand zu heben. Sie warf und warf die Steine und da sie nichts anderes mehr tat, als Steine in den Brunnen zu werfen, konnte sie sich noch nicht einmal mehr selbst sehen. Das Wasser im Brunnen kam nie zur Ruhe, was sie zunehmend verzweifelter machte. Dabei hatte sie doch das Gegenteil erreichen wollen, aber jetzt war alles anders. Sie war damit überfordert, von außen den Weg zu ihr frei zu räumen. Wenn sie sich selbst schon nicht mehr sehen konnte, würden es auch andere nicht können und der Wasserspiegel stieg nicht schnell genug an. Nichts war mehr von dem übrig, was noch zuvor von den Wänden des Brunnens beschützt gewesen war. Resignierend sank sie zu Boden und weinte. Aber was sollte sie tun??? Es würde niemand zu ihr gelangen, wenn die Steine dort liegen blieben, sogar mehr noch, wenn sie weiterhin geworfen wurden, wäre und würde der Weg zu ihr versperrt bleiben! Aber wenn sie aufhörte, sie in ihren Brunnen zu werfen, dann müsste sie eines Tages in dem Steinhaufen ersticken. Was nützte es ihr dann noch, wenn sie sich selbst sehen konnte, unten auf der Wasseroberfläche des Brunnens???

Sie verharrte eine ziemlich lange Zeit, bis es ihr wie Schuppen von den Augen zu fallen begann. Ihr Spiegelbild war und würde verzerrt bleiben, solange sie sich der Bürde annahm, die andere ihr aufgelastet hatten. Je länger sie das tun würde, umso schwieriger wurde es, sich selbst zu sehen. Bis hin zu jenem Tag, an dem der Weg für sie zu ihrem Selbst gänzlich verloren sein musste. Zweifelsohne würde der Wasserspiegel nicht steigen, weil er viel zu niedrig und somit irgendwann gar nicht mehr zu sehen sein würde, und dann – dann würde sie zerbrechen an all dem Schlimmen, was unaufhörlich auf sie niederprasselte und das war der falsche Weg!

Es blieb nur noch eines zu tun übrig – sie musste die Steine zurückwerfen, woanders hinwerfen, als in ihren Brunnen. Das würde sehr anstrengend sein, aber nur so konnte sie sich selbst retten, denn niemand anderes würde etwas in ihrem Sinne, für ihr Wohlergehen tun, wenn sie sich nicht aufraffte um den Anfang zu machen - den Anfang, um für sich zu kämpfen.

Es waren die Steine der anderen, die gezielt auf sie trafen. Mit denen man sie bewusst und auf äußerst gemeine als auch brutale Weise zwang, sich zu unterwerfen. Niemand hatte das Recht, einen anderen Menschen so zu behandeln, auch wenn die anderen offenbar dieser Meinung waren. Aber es war nicht richtig, mehr noch, es war verwerflich und verachtungswürdig. Die anderen hatten sich, so fand sie in diesem Augenblick, doch selbst jeglicher Grundlage des Respekts beraubt, weil sie sich ihre Macht durch Grausamkeit erwirkten.

Das Wasser in ihrem Brunnen beruhigte sich und sobald sie sich an den Rand setzte und hinein sah, würde sie sich wieder sehen können, als diejenige, die sie tatsächlich war.

Sie hatte zwar schon einiges eingesteckt – aber das konnte sie eines Tages hinter sich lassen. Es war einzig und allein von Bedeutung, dass sie endlich aufhörte, die Schuld der anderen auf sich selbst zu laden und vor Verzweiflung und Angst über sich ergehen zu lassen, was niemand, absolut niemand von ihr zu verlangen hatte. Unwissend und aus dem Entsetzen, der Einschüchterung heraus hatte handeln müssen, ohne etwas verändern zu können.

Endlich stand sie auf, begann Stück für Stück den Weg frei zu räumen. Noch vorsichtig und unsicher nahm sie die Steine und legte sie zunächst ein paar Meter weiter weg. Doch je mehr sie darüber nachdachte, umso deutlicher wurde Wut in ihr spürbar. Was hatte man da mit ihr gemacht? Für wie mächtig hatten sich die anderen eigentlich gehalten? Kampfgeist erwachte in ihr und ihre Würfe zurück wurden länger und gezielter. Mehr und mehr richtete sie ihr Augenmerk auf die Stellen zwischen den Büschen, aus denen zuvor in ihre Richtung geworfen worden war. Zornig schmetterte sie das Gestein genau dorthin und es tat ihr gut. Aufatmend hielt sie einen Moment inne und schaute um sich. Vereinzelt lagen sie noch herum, aber sonderbarerweise wurden sie auch nicht mehr in der Menge geworfen wie zuvor.

Die Flut ließ deutlich nach, verendete regelrecht. Inzwischen war es gar nicht mehr so schwer, die Steine zurück zu werfen, mehr noch, es erleichterte sie ungemein. Wesentlich stärker werdend fühlte sie sich besser, als sie je hätte ahnen können. Solange sie sich wie ein Opfer benahm, würde man sie auch so behandeln. Der Wunsch, dass es einfach wieder vergehen würde, eines Tages ganz von selbst aufhören musste, war ein vergeblicher gewesen. Gerade damit hatte sie den anderen alle Macht gelassen, was diese gewissenlos ausgenutzt hatten. Wie feige war es doch, aus dem Dunkel des Waldes auf sie zu werfen!!!

Und sie begriff noch etwas – wenn es jemanden geben sollte, der sie ernsthaft und aus tiefstem Herzen gerne haben würde, dann würde sich dieser jemand auch nicht von den im Weg liegenden Steinen abhalten lassen, sondern über sie hinweg steigen. Weil es ihm um sie ging, um ihren Brunnen und dieser jemand würde auch die Stärke besitzen, über den Rand zu schauen und sie, sie selbst anschauen, sie als diejenige annehmen, die sie wirklich war.

Sie hatte es sich verdient und niemand konnte ihr diesen Glauben wieder nehmen. Sie war es wert und ist es auch schon zuvor gewesen. Übrig blieb für all jene, die es nötig hatten, sich auf der Zerstörung eines anderen aufzubauen nicht nur Verachtung, sondern auch ein deutliches Gefühl der Überlegenheit. Wie klein und krank musste man doch sein, wenn es einem nicht gelang, auf ehrliche Weise Anerkennung zu finden! Welch ein erbärmliches Charakterbild eröffnete sich da, wenn man verletzte, um selbst Stärke in sich fühlen zu können.

Die Macht der über ihr zusammenbrechenden Steine war gewichen, weil sie es geschafft hatte, für und zu sich zu stehen. Es ihr gelungen war, sich zu befreien von allem, was ihr die Chance nahm, sie selbst zu sein. Von nun an würde es erheblich schwerer sein, ihr solchen Schaden zuzufügen!!!!!


Das Schlusswort gehört Jasmina Marks:

Was bleibt mir noch zu sagen übrig, außer, dass ich zweifelsohne versuchen werde, weiterzulaufen. Gezwungen bin, bittere Pillen zu schlucken, die ich am liebsten ausspucken würde… mich machtlos fühle und ohnmächtig ausgeliefert, obwohl eben jene Ohnmacht so grausam auszuhalten ist… ich so müde bin, jeden Kampf als vergebens beenden zu müssen… ich erschöpft zurück bleibe und mir wenigstens die Zeit und Ruhe wünsche, um auf die Beine kommen zu können. Und ich dieses auch zum Wohle meiner Söhne tue… ich völlig verunsichert bin im Ungang mit anderen Menschen. Allerdings nicht mehr darunter leide, alleine zu sein, sondern das Alleinsein als einzig sicheren Schutz empfinde… jeden Tag aufs Neue mich mit etlichen Verhaltensweisen auseinander setzen muss, die inzwischen so automatisiert sind, weil sie ursprünglich mal Schutz bedeutet haben und doch ein Hindernis im Alltag darstellen… ich immer wieder mich selbst dabei erwische, wie ich mich und meinen Körper zu bestrafen versuche, und es anstrengend ist, das zu unterlassen. Und doch schon ein kleiner Fortschritt ist, dass ich es heute wenigstens bemerke und ändere…ich werde weiterhin an einer Methode arbeiten, die mir aufhilft bei Albträumen oder wenn Erinnerungen ausgelöst durch etwaige Kleinigkeiten aufbrechen und nicht ignoriert werden können…

Ich werde gleichzeitig alles für einen geregelten Ablauf im Alltag zum Wohle meiner Söhne tun und sicher die Hälfte meiner Kräfte wird eben genau da hinein fließen, weil das Leben am untersten finanziellen Limit kein einfaches ist, für niemanden!

Zweifelsohne ist mir bewusst, dass ich anders bin, womöglich sogar durch mein Erscheinen gerne mal anecke, nicht dem entspreche, was die meisten Menschen für „normal“ halten würden – aber wer bestimmt, dass anders zu sein mit minderwertig gleichzusetzen ist???

Ich bin anders, aber deswegen nicht schlechter – ich kann es kaum ertragen, wenn Zustände einfach zu erdulden sind. Wie es ist, wenn man etwas einfach auszuhalten hat, das kenne ich zur Genüge und bin es gerade deswegen nicht bedingungslos hinzunehmen bereit!

Warum also nehmen Menschen sich das Recht heraus, jemanden als unnormal abzutun und fallen zu lassen frei nach dem Motto, die braucht man nicht ernst zu nehmen???

Anders zu sein bedeutet, stärker sein zu müssen als andere, weil man meistens eben alleine dasteht.

Anders zu sein bedeutet auch, mehr Kraft aufbringen zu müssen, um auf Dinge aufmerksam zu machen oder etwas durch zu setzen.

Anders zu sein bedeutet ebenso, mutiger sein zu müssen, überlegter sein zu müssen – es sich nicht leisten zu können, impulsiv und forsch ohne Hintergrund auf ein Ziel zuzusteuern, alles andere könnte zu schnell als hysterisch ausgelegt werden.

Anders zu sein bedeutet in meinen Augen, wesentlich gradliniger und aufrechter als andere durchs Leben gehen zu müssen, aufmerksamer zu sein für das Drumherum und mehr Gewicht auf das Innere zu legen, dass eben genau das stimmt! Damit meine ich nicht mein persönliches Gleichgewicht, sondern eher das meiner Kinder – das Innere unserer kleinen Familie und ihnen all das mitzugeben, was in dieser Gesellschaft gerne mal zu kurz kommt: Respekt und Achtung anderen gegenüber, zu unterscheiden, zwischen Recht und Unrecht, offen zu sein für Missstände und auch die Fähigkeit und Stärke, sich für ein Unrecht mit dem richtigen Maß einzusetzen, mit wachsamen Augen durchs Leben zu gehen und das nichts wichtiger ist, als ein gesundes Miteinander, tolerant zu sein, gerade auch dann, wenn man Menschen begegnet, die „anders“ sind….

Aus dieser, meiner Perspektive betrachtet ist all das absolut kein Grund, jemanden wie mich für minderwertig zu halten und auch alles andere als ein Freifahrtsschein, dass es sich nicht lohnt, mich ernst oder wahrzunehmen – aber das ist meine Perspektive -  nicht mehr, aber auch nicht weniger…………

Ich werde weiterlaufen in der Hoffnung, dass ich eines fernen Tages einmal sicher bin, dass auch ich es wert war und es verdient gehabt hätte, ein würdigeres Leben zu führen… ich werde weiterlaufen in der Hoffnung, dass ich vielleicht eines Tages soweit bin, dass ich mich in welcher Form auch immer beruflich orientieren kann und es dann noch nicht zu spät dafür sein mag, sofern es das nicht schon jetzt ist…

Das einzige, weshalb ich glaube, dass Gott mich nicht vergessen hat, ist die Tatsache, dass er mir zwei wundervolle Kinder geschenkt hat. Jedes zu einer Zeit, in der ich so sehr am Leben zweifelte und mit meinem Dasein gehadert habe. Und doch sind es gerade die beiden, die mir eine Daseinsberechtigung gegeben haben und dafür bin ich dem Himmel wirklich dankbar!!!!

Und so dann und wann geschehen ganz kleine Wunder, die mich glauben lassen, dass es trotz allem irgendwie weiter geht mit mir…

Und ich werde weiterlaufen in der Hoffnung, eben diese nie wieder verlieren zu müssen – weil es etwas Unerträgliches und so Vernichtendes ist, wenn man selbst um die Hoffnung noch kämpfen muss… und ich werde mir wünschen, dass der Spruch „Spuren im Sand“ Geltung hat, auch für mich…

 – ja, das werde ich wohl…

Neuer Absatz

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Andachten

Nächstenliebe und klassisches Streichquartett
Nächstenliebe hat zwei Seiten: Erstens, sich in den Mit­menschen hineinfühlen; dabei spüren, was er braucht und was ihm gut tut. Die zweite Seite wird oft vergessen: sich selbst lieben; das heißt, spüren, was ich selbst brauche und was mir gut tut. Beides gehört jedoch zusammen und funktioniert nur zusammen.

Nächstenliebe kann man einüben. Ich erlebe das zum Beispiel, wenn ich Streichquartett spiele. Manchmal gebe ich als Brat­sche den Ton an und die anderen drei richten sich nach mir; danach wechselt die Führung, und die 1.Geige führt; dann gibt es zeitweise eine totale Harmonie zwischen zwei Instrumen­ten, das ändert sich bald zu einer gegenläufigen Melodiefüh­rung, wo es gilt, bei sich selbst zu bleiben und sich durch den anderen nicht irritieren zu lassen.

So wie im Streichquartett ist es auch mit der Nächstenliebe. Manchmal ist es richtig, den Ton anzugeben; dann wieder, den anderen zu begleiten. Manchmal ist Harmonie und Bestätigung angesagt, dann wieder Kontrast oder sogar Konflikt; dabei ist es gut, sowohl den anderen als auch sich selbst wahrzunehmen und „nicht aus dem Takt zu kommen“.

Insofern ist diese klassische Musikform eine Schule fürs Leben und ich wünsche und empfehle vielen, das entweder selbst zu erlernen oder aber wenigstens ab und zu mal zu hören. Besonders schön sind die Quartette von Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert.

Fördern und (Über)Fordern

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch längst nicht Dasselbe. - Was meine ich damit?

Der Fußballverein in A-Dorf bietet etwas Neues an: eine Mädchenmannschaft. Eine engagierte Mutter steht als Trainerin zur Verfügung, weil ihre 12-jährige Tochter gern Fußball spielt. Zu den Trainingsstunden kommen 14 Mädchen, also kommt tatsächlich eine Mannschaft zustande. Der Vereinsvorstand freut sich und meldet die Mannschaft zum Punktspielbetrieb an. Die Mädchen sind ja alle ziemlich neu dabei und sie verlieren daher alle Punktspiele, zuerst sehr hoch 0:12, dann wird es etwas weniger drastisch 1:5 (das erste Tor wird sehr bejubelt), doch nach dem sechsten verlorenen Spiel (es ging 1:3 aus) kommen nur noch 9 Mädchen zum Training, und die restlichen Fünf haben alle möglichen Ausreden: „ich muss für die Schule lernen; mir ist nicht gut; meine Oma hat Geburtstag usw.“ Die Mannschaft ist sehr gefährdet.

Anders ist es in B-Dorf gewesen. Dort war alles ähnlich wie in A-Dorf, also auch eine engagierte Mutter, 14 Mädchen, aber der Vereinsvorstand meldet die Mädchen nicht gleich zu Punktspielen an, sondern es gibt im ersten Jahr nur einige Freundschaftsspiele gegen andere Anfängermannschaften. Das erste Spiel geht zwar auch verloren (3:5), aber das zweite wird 3:2 gewonnen, und die Spielerinnen haben nicht so viel Frust wie in A-Dorf, sondern viel mehr Erfolg. So bleibt ihnen der Spaß am Fußball erhalten, und im nächsten Jahr können sie dann ohne zu viel Misserfolg auch Punktspiele mitmachen.

So wie hier im Fußball ist es auch im wahren Leben; wir sollten einander fördern, aber nicht überfordern. Das ist auch eine Spielart der Nächstenliebe.

Gerechtigkeit

Eine Begegnung geht mir nicht aus dem Sinn. Ich denke immer wieder darüber nach.

„Dass unser Enkel schon wieder operiert werden muss! Das ist ungerecht! So ein kleiner Junge! - Wo ist da der liebe Gott?“ - So ähnlich beklagte sich ein älterer Mann, als er mir von seinem Enkel erzählte. Ich sagte ihm: „Sie denken, Gott ist allmächtig, und deshalb dürfte es keine Ungerechtigkeit geben!“ Mein Gegenüber nickte. Ich fuhr fort: „So haben Sie es gelernt. Wenn Sie die Gebote halten, dann gibt es keine Schicksalsschläge?“ - Wieder ein Nicken. Darauf ich: „Jesus hat es anders gesagt. Gott ist eine geistige Kraft. Er ist die Kraft der Liebe. Wie ein Hirte, der auch für seine verlorenen Schafe sorgt. Diese Kraft der Liebe gibt es auch zwischen Ihnen und Ihrem Enkel. So können Sie Ihrem Enkel die Lebensenergie geben, die er für sein Leben braucht, und Sie bekommen von Ihrem Enkel eine Menge zurück.“

Ich merkte, wie der ältere Mann nachdenklich wurde und wie seine Gesichtszüge sich entspannten.

Jesus hat erlebt, wie diese Kraft der Liebe alle Schicksalsschläge verwandeln kann. Diese Botschaft hat er seinen Jüngern gegeben, und die hat er auch uns geschenkt, damit wir erleben können, wie sich die Frage nach der Gerechtigkeit verwandeln kann in die Suche nach Liebe.

Ein Kind ist euch geboren...

Weihnachten ist eines der wirkungsvollsten Feste. Harte Männer werden sentimental. Karrierefrauen gehen in die Kirche und schmelzen dahin, wenn die Krippenspielkinder ihren Text aufsagen.

Was passiert da? Die äußerliche Weihnachtsgeschichte könnte ein Spiegel des Inneren sein. Harte Menschen glauben nicht wirklich daran, dass  Liebe möglich ist. Sie haben um ihr Inneres einen undurchdringlichen Panzer gelegt, um zu funktionieren.

Harte Menschen werden durch ein Kind verwirrt. Wenn sie ein hilfloses Kind sehen, dann erwacht etwas in ihnen wie bei dem eigensüchtigen Riesen im letzten Gemeindebrief. Dadurch dass ein Kind hilflos und bedroht ist, weckt es in vielen harten Menschen die tief in ihnen vorhandenen Beschützerinstinkte. Und zugleich provoziert das Kind sie dazu, selbst wieder Kind zu sein, zu singen und zu spielen, Quatsch zu machen.

Das göttliche Kind wird mitten in der Nacht geboren, ein Hinweis darauf, dass wir gerade dann, wenn es dunkel in uns ist, bereit sein sollen, dass unser inneres Kind, unser Glaube an die Liebe, darauf wartet, neu zur Welt zu kommen, zu wachsen und uns zu verändern.

Im Krippenspiel jubeln an dieser Stelle die Engel, und wir dürfen ebenfalls glücklich sein, wenn wir diese Gefühle in uns spüren dürfen. Gut ist es jetzt, sorgsam zu sein, denn dieses Kind in uns, dieser Glaube an die Liebe, ist bedroht von den Zwängen des Alltags - Herodes lauert überall. Aber die Liebe kann siegen, wenn wir wie Josef und Maria auf unsere guten Träume hören.

Dieses Weihnachtserlebnis wünsche ich allen, die hart geworden sind.

Ohne Kinder erstarrt die Welt

Bei der diamantenen Konfirmation saßen wir in fröhlicher Runde, und ich wunderte mich darüber, wie gut „drauf“ die 75-jährigen Jubilare waren. Alle erzählten von ihren Kontakten zu Kindern. Kinder sind ein Jungbrunnen! Dazu fällt mir das Märchen „Der eigensüchtige Riese“ von Oscar Wilde ein:

In dem Märchen verscheucht ein Riese alle Kinder aus seinem Garten und errichtet eine Mauer um sein Anwesen. Dies führt dazu, dass dort ewiger Winter herrscht:

„Die einzigen, denen der Garten noch gefiel, waren der Schnee und der Frost. Der Schnee bedeckte das Gras mit seinem dicken weißen Mantel und der Frost ließ alle Bäume silbern erscheinen.“

Erst als sich die Kinder durch eine Öffnung in der Mauer Zutritt zu dem Garten verschaffen, erwacht die Natur zu neuem Leben. Der Riese beobachtet die Kinder vom Fenster seines Hauses. Er tritt nach draußen, um einem kleinen Jungen, der nicht groß genug ist, um auf einen der Bäume zu klettern, beim Aufstieg zu helfen. Alle Kinder laufen davon, außer dem kleinen Jungen. Er lässt sich von ihm auf den Baum helfen und küsst den Riesen, die anderen Kinder kehren in den Garten zurück:

Und als all die anderen Kinder sehen, dass der Riese nicht länger böse ist, kommen sie eilig zurück - und mit ihnen der Frühling. „Von nun an, Kinder, ist dies euer Garten“, sagt der Riese, nimmt eine riesige Axt und reißt die Mauer nieder.

Die Kinder spielen hinfort wieder regelmäßig im Garten des Riesen, der jedoch unter ihnen den kleinen Jungen, der ihn einst geküsst hatte, vermisst. Die Kinder kennen den Jungen nicht, jahrelang wird er nicht gesehen. Eines Wintermorgens blickt der Riese, der inzwischen alt und gebrechlich geworden ist, aus dem Fenster:

„In der entlegensten Ecke des Gartens war ein Baum über und über mit herrlichen weißen Blüten bedeckt. Und unter dem Baum stand der kleine Junge, den der Riese so sehr in sein Herz geschlossen hatte.“

Er hastet hinaus in den Garten und muss erkennen, dass der Junge Nägelmale an Händen und Füßen trägt. Als der Riese ihn fragt, wer ihm diese Wunden zugefügt habe, bezeichnet der kleine Junge diese als „die Wunden der Liebe“ und lädt den Riesen in seinen Garten, das Paradies, ein. Die Kinder finden den Riesen am Mittag tot unter dem blühenden Baum.

Jetzt weiß ich wieder, wie wichtig Kinder für unsere seelische Fröhlichkeit sind!

Religiöse Blindheit

"Ich halte nichts von der christlichen Religion. Dadurch werden die Menschen unselbständig, unfrei und ohne Selbstwertgefühl." Das teilte mir mein Tennisfreund auf der Fahrt zum letzten Punktspiel mit. Ich war beeindruckt, dass er so offen mit mir sprach, denn normalerweise bekomme ich als Pastor solch direkten Aussagen nicht zu hören.

"Wie war denn dein Konfirmandenunterricht?", fragte ich zurück. Die Antwort kam prompt: "Der Pastor war streng. Als ich konfirmiert wurde, da war ich richtig froh und strahlte vor Freude übers ganze Gesicht. Und dieser Pastor flüsterte mir vor dem Altar zu: ‘Das ist unwürdig, dass du dich so freust!’ - So etwas vergisst man nicht!"

Stimmt. So etwas vergisst man nicht. Da nützt das ganze Auswendiglernen von "In dir ist Freude..." oder "Jesu, meine Freude ..." gar nichts, wenn die Christen in der Wirklichkeit die frohe Botschaft nicht leben.

Ich sage darauf: "Du kennst doch das Vaterunser." - "Klar, aber das ist für mich wie eine Litanei. Man sagt es, weil es so üblich ist, aber mir sagt es gar nichts."

"Vielleicht solltest du mal die Worte auf dich wirken lassen. Wenn du Gott als unseren Vater anredest, dann sind wir alle seine Kinder, nicht nur Jesus ist sein Sohn, sondern auch du und ich sind seine Söhne. Wir sind nicht seine Knechte, sondern seine Söhne, wir haben die Erde und das Leben wirklich geerbt, damit wir verantwortlich daraus etwas machen, und er, der Vater, traut uns das zu."

Mein Tenniskamerad gab zu, dass er das so noch nicht gesehen hatte. Mir ist klar, dass das nicht nur bei ihm so war, sondern eine allgemeine religiöse Blindheit ist. Vor lauter Routinebeten sind wir blind für den Inhalt. "Unser Vater", das war für Jesus der wahre Gottesname, nicht Jehova, nicht "Herr der Heerscharen", nicht "König", nicht "Herr",
sondern "unser Vater". Und er betont das noch einmal mit dem zweiten Satz: Geheiligt werde dein Name. Dieser Name "unser Vater!" soll uns heilig sein!

Wenn wir von unserer religiösen Blindheit geheilt werden, dann merken wir, dass Jesus uns einen Glauben geschenkt hat, der frei macht und selbständig und uns volles Selbstwertgefühl gibt. Ich sagte mit einem Lächeln zu meinem Tennisfreund: "Wenn ich das so sehe, dann gewinne ich viel eher das nächste Match!"

Rausch mit und ohne A.

Zwei Meldungen:

1. Die Mannschaft spielte sich in einen Rausch hinein und gewann völlig verdient ... - 2. Der Autofahrer fuhr im Rausch gegen den Baum und kam schwer verletzt ins Krankenhaus.

Zwei Arten von Rausch. Die Mannschaft gerät in einen Rausch durch ihre Begeisterung. Sie ist im Rausch viel leistungsfähiger als normalerweise. Die Spieler sind hochkonzentriert und motiviert, sind laufbereit, kämpferisch, sie spielen intuitiv, sie antizipieren die Spielzüge des Gegners, sie werden euphorisch, sie feuern sich gegenseitig an, sie umarmen einander, sie jubeln, sie schreien, sie springen in die Höhe, sie sind außer sich vor Glück.

Der Autofahrer ist „dicht“. Er ist im Alkoholrausch. Er ist überhaupt nicht mehr leistungsfähig, unkonzentriert, er sieht alles wie im Nebel, er überschätzt sich, ihm ist alles egal. Er verliert seine Vorsicht und den Respekt vor Gefahren.
Beide Arten von Rausch haben auch Gemeinsamkeiten: Man vergisst für eine Zeitlang die Probleme, die man hat; man verliert seine Hemmungen; man wird laut und kontaktfreudig.

Damit enden die Gemeinsamkeiten.

Alkohol in Maßen - nicht in Massen - kann sehr positiv sein. „Der Wein erfreut des Menschen Herz“, heißt es in der Bibel. Wer sein Maß überschreitet, der erlebt aber meist recht üble Nachwirkungen.

Der Rausch ohne Alkohol wirkt dagegen längere Zeit positiv nach, manchmal schwebt man mehrere Tage auf rosa Wolken. Diesen Rausch beschreibt die Bibel auf zweierlei Arten. „Deine Liebe berauscht mich mehr noch als Wein“, so beginnt das Hohelied Salomos. Und: Menschen, die vom Heiligen Geist erfüllt sind, wirken auf andere wie berauscht. In der Pfingstgeschichte erscheinen Petrus und seine Freunde wie betrunken. Sie sind jedoch berauscht von dieser feurigen Begeisterung.

Im letzten Jahr - im Sommer der Weltmeisterschaft - haben wir einiges davon erlebt. Ich wünsche Ihnen und mir auch in diesem Jahr mehr davon!


Bild: Wienke Treblin

Konfirmation

21 junge Leute wurden bei uns konfirmiert. Manche sagen: „Jetzt kann ich abends lange weggehen, kann Alkohol trinken, bin so gut wie erwachsen.“ Einige Jugendliche verwechseln das Leben mit einer großen Party. Sie gehen jedes Wochenende freitags und samstags in die Disco und schlafen dann am nächsten Tag mindestens bis in den frühen Nachmittag. In der Fußballmannschaft spielen sie nicht mehr mit, denn da wird Fitness und ein klarer Kopf verlangt, und das ist zu anstrengend. So wird das Leben auf seltsame Weise eintönig. Nur Schule und Party - das ist  langweilig. Dann braucht man härtere Anreize gegen die Langeweile, und schon ist man auf der Rolltreppe abwärts.

Zur Freiheit gehört das Recht, Fehler zu machen, und das ist gut so; Petrus z.B. durfte Fehler machen; gerade dadurch hat er gelernt; er hat durch Jesus gelernt, aus den Fehlern neue Erkenntnisse zu finden. Petrus hat erlebt, wie wichtig es ist, das zu tun, was wirklich gut ist für ihn.

Nichts gegen gelegentliche Partys, die haben auch ihr Recht, es soll richtig gefeiert werden, und da darf es richtig krachen. Aber: es ist wichtig,  weiter zu schauen: „Was tut mir wirklich gut, was kann ich Sinnvolles in meiner Freizeit tun?“ Es gibt erstaunlich viele  Möglichkeiten. Ich staune immer, wie viele Jugendliche hier nach der Schule auf Bauernhöfen mitarbeiten, Verantwortung übernehmen und stolz darauf sind, wie gut sie mit den großen Maschinen umgehen können.

Das ist klasse. Ich kenne ein Mädchen, das mit 16 Jahren in den Sommerferien auf einer Insel sich Geld für ihren Führerschein verdiente. Die Eltern haben ihr gesagt, sie legen noch mal das Gleiche drauf, was sie sich selbst erarbeitet. Wir sollten die Jugendlichen weniger verwöhnen. Es ist besser und gesünder, wenn junge Leute nicht das erste Auto mit 18 Jahren vor die Tür gestellt bekommen, sondern wenn sie sich einen Teil selbst erarbeitet haben. Man muss ihnen allerdings die Möglichkeit geben, zu arbeiten, dann sind sie stolz darauf, was sie können.

Ich hoffe, Sie dürfen auch stolz sein, liebe Leserinnen und Leser.

Ein Muslim als Pfarramtssekretaer

In Bethjala gibt es eine evangelische Gemeinde. Pastor Shihadeh stellte uns seinen Sekretaer, einen jungen Mann von 25 Jahren vor: "Das ist Mohamed. Er kam in unser Kinderheim, als er vier Jahre alt war. Seine muslimische Familie lehnte ihn ab. Warum? Ein Wahrsager hatte seiner schwangeren Mutter vorausgesagt, das Kind sei verhext, und sie wuerde bei der Geburt sterben. Tatsaechlich starb die Mutter bei der Geburt.

Der Vater und der Rest der Familie wollten nichts mit diesem Kind zu tun haben. Sie dachten, das Kind sei boese, es sei verhext. Nur die Grossmutter nahm ihn, merkte jedoch nach einigen Jahren, dass sie zu alt sei. Deshalb brachte sie das Kind in unser Kinderheim. Hier wuchs das zurueckgebliebene Kind auf, es bluehte aber spaeter auf: Mohamed machte Abitur und gruendete mit 25 Jahren eine eigene Familie. Mohamed hat eine Arbeit in der ev. Gemeinde als Sekretaer des Pfarrers gefunden. Aber er wurde kein Christ. Wir haben ihn auch bewusst als Muslim belassen. Warum? Weil er so wieder den Zugang zu seiner Familie gefunden hat. Die Familie merkte allmaehlich, dass Mohamed nicht boese ist und nicht verhext. Und Mohamed hat viele christliche Freunde. Wir haetten ihn auffordern koennen, Christ zu werden. Aber dann haette er seine Familie endgueltig verloren. Jetzt gehoert er weiterhin zu seinen Bruedern und Schwestern, er hat sich mit seinem Vater versoehnt. So bildet er eine Bruecke zwischen Muslimen und Christen. Und das ist gut so."
Diese wahre Geschichte hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Ich hoffe, Sie auch, liebe Leserinnen und Leser.

Ein junges Mädchen liest in der Bibel

Während unserer Urlaubszeit in Brasilien fuhren meine Frau und ich einmal mit unserer ehemaligen Austausch-Schülerin Camilla und zwei von ihren Freundinnen im Auto von Sao Paulo 150 km weit zum Strand ans Meer.
Ich beobachtete während der Autofahrt Camillas Freundin Nati, und sah mit Erstaunen, wie sie in der Bibel las. Ich fragte sie einen Tag später danach. Sie sagte, das tue ihr gut, sie habe aber keine Religion wie katholisch oder so. Ihre Eltern haben auch keine offizielle Religion. Sie macht es nur für sich. - Sie hatte übrigens den 23.Psalm gelesen. Die Bibelausgabe war nur sehr schmal, sie enthielt das Neue Testament und die Psalmen.

Ich muss gestehen, ich fand das schon sehr ungewöhnlich. Ein 20-jähriges junges Mädchen liest in der Bibel, weil es ihr gut tut. Sie macht es von sich aus, nicht weil sie es für jemand tun muss. Nati hat mir ganz einfach folgendes damit klargemacht: Die Worte „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser... Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir...“ - die können uns wirklich gut tun, die können uns darauf hinweisen, dass wir immer wieder eine grüne Aue finden können und frisches, lebendiges Lebenswasser, sogar dann wenn wir manchmal durch ein finsteres Tal gehen müssen.

Dieses junge Mädchen ohne Religion, das heißt ohne offizielle Kirchenmitgliedschaft, hat mich in meinem Urlaub sehr beeindruckt.
Vielleicht entdecken ja auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dass Ihnen das Lesen in der Bibel gut tut.

Die Kinderbrücke  

An einem Fluss wohnten zwei Bauern, der eine am rechten, der andere am linken Ufer. Die beiden Bauern aber waren neidisch aufeinander. Der eine hätte lieber am rechten, der andere lieber am linken Ufer gewohnt. Wenn sie morgens pflügten, schimpfte der eine, weil das Feld seines Nachbarn in der Sonne und sein eigenes im Schatten lag. Und wenn sie abends Holz hackten, schimpfte der andere, weil das Haus seines Nachbarn in der Sonne und sein eigenes im Schatten lag.

Auch die Frauen der Bauern waren unzufrieden, die eine am Morgen, die andere am Abend. Eines Morgens, als die beiden Frauen Wäsche aufhängten, schrie die eine vom am rechten Ufer ein böses Wort zum linken Ufer hinüber. Und abends, als die Frauen die Wäsche abnahmen, gab die vom linken Ufer das böse Wort zurück. Das ließen sich die Männer nicht gefallen. Sie sammelten große Steine und versuchten, einander damit zu treffen. Doch der Fluss war zu breit, und die Steine plumpsten ins Wasser.

Nur mittags, wenn die Sonne hoch stand, herrschten Ruhe und Frieden. Die Tiere flüchteten sich in den Schatten, und die Bauern mit ihren Frauen schnarchten unter einem Apfelbaum, die einen am linken, die anderen am rechten Ufer.

Die beiden Kinder der Bauern aber saßen am Wasser und langweilten sich. Das eine schaute zum linken, das andere zum rechten Ufer hinüber. Doch eines schönen Tages, als die Kinder wieder an den Fluss kamen, war das Wasser gesunken, und sie sahen viele große Steine, so dass sie darüber hüpfen konnten. Sie trafen sich in der Mitte. Sie betrachteten sich lange und freuten sich. Sie erzählten sich ihre Erlebnisse. Die beiden verstanden sich so gut, dass sie nun jeden Mittag über die Steine hüpften, um sich in der Mitte zu treffen.

Die Eltern wunderten sich, woher ihre Kinder plötzlich Dinge wussten, von denen sie selbst noch nie gehört hatten. Doch eines Tages, nach einem langen Regen, hörten die Kinder auf, Geschichten zu erzählen. Sie hörten auf zu lachen und zu singen. Das Wasser im Fluss war wieder angestiegen und die Kinderbrücke verschwunden. Da erfuhren die Eltern endlich das Mittagsgeheimnis ihrer Kinder, und sie fingen an nachzudenken. Und als sie lange genug nachgedacht hatten, beschlossen sie, zusammen mit den Kindern aus den übrig gebliebenen Steinen eine Brücke zu bauen. Eine Brücke, so rund und schön wie der Bogen, den die Sonne am Himmel beschreibt.

Liebe LeserInnen! Ein solches friedensstiftendes Verhalten meint Jesus, wenn er sagt, wir sollen werden wie die Kinder - und vielleicht schaffen wir das in diesem Jahr sogar ja mal zu Weihnachten!

Erntedank

Das Erntedankfest regt uns an zur Dankbarkeit. Wir modernen Menschen haben es vielfach verlernt, dankbar zu sein für die Gaben der Ernte, zu selbstverständlich erscheint es uns, dass wir satt zu essen haben. Es hätte aber auch ganz anders sein können: Die Hitze des Juli hätte z.B. drei Monate dauern können, dann wäre die Ernte kaputtgegangen; der Regen des August hätte auch im September noch andauern können, dann wären die Maschinen nicht einsetzbar gewesen. Wenn wir uns das klarmachen, dann sind wir überrascht und dankbar, wie gut die Ernte doch noch geworden ist.

Manchmal haben auch viele Landwirte das Gefühl, keinen Grund zur Dankbarkeit zu haben. Man hört davon, es sei kein Nachwuchs zu finden und die Einkommensentwicklung sei miserabel.

Aber die Wirklichkeit scheint anders zu sein. Es kommt tatsächlich immer auf die Sichtweise an.

Ich bin z.B. dafür dankbar, dass viele meiner Konfirmanden als ihr Hobby „Treckerfahren“ angeben. Ich bin dafür dankbar, dass ich bei Taufbesuchen und anderen Gelegenheiten junge Männer kennengelernt habe, die gerne Landwirt werden oder geworden sind und dass sie offensichtlich gerade in diesem Beruf attraktiv für junge Frauen sind.

Ich bin dafür dankbar, dass viele Landwirte nicht nur jammern und klagen, sondern dass sie kämpferisch und solidarisch dafür arbeiten, ihren Milchpreis zu verbessern. Das gibt ihnen eine neue Würde, mit den Worten der Abendmahlsliturgie: „Das ist würdig und recht.“

Solche Sichtweise der Dankbarkeit wünsche ich Ihnen und mir, liebe Leserinnen und Leser!

Familienwahlrecht - Was ist denn da passiert?

Vor kurzem stand ich um 14.50 Uhr vor einem Tante-Emma-Laden in Meppen-Bokeloh und wartete darauf, dass die Mittagspause des Geschäfts um 15 Uhr endete. Die Zeit vertrieb ich mir damit, dass ich den Schaukasten der katholischen Kirchengemeinde Bokeloh mir etwas näher ansah. Mein Blick blieb an einem Wahlaufruf zum Pfarrgemeinderat hängen. Dort stand, dass in der Kirchengemeinde ein so genanntes Familienwahlrecht eingeführt worden sei. Das bedeutet: die Eltern geben bei diesen Wahlen stellvertretend für ihre Kinder unter 16 Jahren eine Stimme ab. „Die Gemeinde kann damit nach innen und außen ein Zeichen der Wertschätzung für Familien setzen", so las ich.

Ich muss gestehen, ich war verblüfft. In der Politik wurde das Familienwahlrecht zwar auch schon diskutiert, doch wie so oft, verlief diese Diskussion ohne Ergebnis im Sande. Und da ermöglicht ausgerechnet die katholische Kirche ihren Mitgliedern ein revolutionäres Wahlrecht! Mir wurde mal wieder klar, dass manche Vorurteile nicht richtig sind.

Und ich bin gespannt, ob dieses Beispiel ausstrahlt: auf die evangelische Kirche, auf die Parteien, auf die ganze Gesellschaft, die ja immer so viel von Familie redet...

Wie heißt es so schön in der Bibel: es geschehen noch Zeichen und Wunder! Auch heute.

Solche Zeichen und Wunder wünsche ich mir, liebe Leserinnen und Leser!

Liebet eure Feinde! - Fair Play im Sport und im Leben

„Liebet eure Feinde", hat Jesus in der Bergpredigt gesagt, und viele Menschen halten dieses Gebot für unrealistisch. Dabei ist das oft ein guter Weg, um die Spirale der Feindschaft zu unterbrechen.

Beim Sport üben wir den Umgang mit Gegnern ein. Manche Trainer bringen ihre Spieler dazu, den Gegner möglichst fies und unfair zu behandeln. Doch es gibt Ausnahmen. Und das ist gut so.

Beim Fußball gibt es einen offiziellen Fairness-Pokal. Welcher Fußball-Nationalspieler hat denn wohl die aktuelle Fair-Play-Trophäe bekommen? Ist doch gar nicht lange her! Am 21.März 2006 wurde die Trophäe überreicht. Na, wer war es? Interessant, dass wir uns so etwas nicht merken, obwohl es in der Zeitung stand. David war bei der Ochtelburer Konfirmation der einzige, der die Lösung wusste. Wir merken uns mehr die negativen Schlagzeilen. Deshalb sollten wir das Positive betonen.

Miroslav Klose ist vom Verband Deutscher Sportjournalisten mit der Fair-Play-Trophäe 2005 ausgezeichnet worden. Wie der VDS mitteilte, wurde damit Kloses Auftritt im Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und Arminia Bielefeld am 30. April 2005 gewürdigt. Damals verzichtete der Stürmer beim Stand von 0:0 auf einen Elfmeter, als er zu-gab, dass Torwart Mathias Hain ihn nicht gefoult hatte. Miro Klose hat einen unverdienten Vorteil nicht ausgenutzt, sondern seinem Gegner diesen Vorteil zurückgegeben und damit ihm etwas Gutes getan.

Das ist die Botschaft, sie gilt auch für den Alltag in der Schule, im Betrieb und in Nachbarschaft und Familie - wo man statt die Feindschaft zu eskalieren die Freundschaft gegenüber den möglichen Gegnern wachsen lassen könnte. Das wäre eine vertrauensbildende Maßnahme, und sie hat viel öfter Erfolg als wir zunächst denken. Man könnte es ja mal versuchen.

Krankenhaus als Neuanfang - Andacht im Gemeindebrief April 2006

Mein Freund, den ich vor einigen Jahren im Krankenhaus besucht hatte, erzählte mir bei meinem Besuch, erst hätte er furchtbar gegen den Krankenhausaufenthalt angesehen. „Wie soll das ohne mich in der Firma weitergehen?", hatte er gedacht. „Es war ganz heilsam für mich, zu merken: es geht auch so weiter!", erzählte er mir. Ich sagte: „Vielleicht ist die Zeit, die du jetzt hast, auch eine Chance, darüber nachzudenken, wie dein Leben insgesamt ist, ob du so weitermachen willst oder ob du etwas verändern solltest!"

Er erwiderte: „Das erste, was mir klargeworden ist: es ist ein pures Glück, dass ich überhaupt noch lebe. Es hätte genau so gut zu Ende sein können. Das ist mir jetzt klargeworden. Ich sehe die Zeit, die ich jetzt habe, als Chance an, noch einmal bewusst das zu tun, was mir wichtig ist: mich um meine jüngeren Kinder mehr als bisher zu kümmern. Mehr Zeit mit meiner Frau verbringen. Und: ich werde meinen Geschäftsführerposten kündigen und mich selbständig machen. Das ist mir jetzt auch klargeworden. Ich will die 15 Jahre, die ich noch aktiv sein werde, jetzt das machen, was ich für richtig halte und nicht immer das machen müssen, was die ganz oben sagen, wo ich doch weiß, dass vieles nicht in Ordnung ist." - Ich fragte ihn: „Wie bist du darauf gekommen?" Er sagte: „Du wirst lachen: ich habe letzte Nacht ganz plötzlich diese Eingebung bekommen. Ich habe ein Bild gesehen, meine eigene Firma, mein Name stand groß über dem Eingang, und da war mir ganz klar: jetzt muss es sein."

Das ist jetzt etliche Jahre her, und mein Freund hat seinen Entschluss durchgeführt, und hat ihn nicht bereut. Durch seine Verbannung im Krankenhaus, durch seine Besinnung, hat er die Kraft gefunden, aus einer schlechten Situation etwas Gutes zu machen. Er hat genau das getan, was Dietrich Bonhoeffer, dessen 100. Geburtstag kürzlich war, empfiehlt: Gott braucht Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Genau das wünsche ich Ihnen auch, liebe Leserinnen und Leser!

Wie eine Pastorenfrau ihren Mann heilt - Andacht im Gemeindebrief Februar 2006

Am vorigen Sonntag hatte ich über den syrischen General Naamann aus dem 2.Königebuch gepredigt und davon gesprochen, wie auf geradezu witzige Weise dieser General lernen musste, dass seine Vorstellung von Medizin, Kultur und Religion nicht mehr stimmten.

Daraufhin sprach ich mit einem pensionierten Pastorenkollegen über diese Predigt, und er sagte mir: „Du, mir ist etwas ganz ähnliches passiert. Und zwar durch meine Frau. Sie hat eine Ausbildung zur Reiki-Meisterin gemacht. Ich war erst voll dagegen, weil ich von dem Sekten-Beauftragten unserer Landeskirche gehört hatte, dass Reiki eine japanische religiöse Heilmethode sei, die im Widerspruch zum christlichen Glauben stehen würde. Meine Frau ließ sich aber nicht durch mich beirren und machte ihre Ausbildung. Sie sagte, es gebe eben zwischen Himmel und Erde Dinge, von denen unsere Schulweisheit, auch die kirchliche Schulweisheit, nichts wisse. Naja, und dann hatte ich eines Tages fürchterliche Magenkrämpfe; ich ging natürlich erst zu meinem Hausarzt, der nahm mir Blut ab, ließ mich röntgen und ging die ganze Vorsorge-Checkliste durch, doch er konnte nichts feststellen. ‘Ist bestimmt alles psychisch, zu viel Stress!’, meinte er. ‘Gönnen Sie sich mal ‘ne Pause! Ich schreib Sie mal eine Woche krank. Gut, ich machte eine Woche Pause, aber die Krämpfe wurden nicht besser. Da sagte meine Frau: Ich werde dir Reiki geben. In meiner Not ließ ich sie gewähren. Und tatsächlich: Sie konnte mir helfen, genauer gesagt: Durch sie hindurch wurde mir göttliche Hilfe zuteil. Die Krämpfe waren weg und blieben weg! So habe ich lernen müssen, dass auch eine andere religiöse Heilmethode als die christliche für mich etwas Gutes hat."

Wie sagt der Apostel Paulus? Prüft aber alles, und das Gute behaltet! (1.Thessalonicherbrief 5,21)

Vielleicht haben auch Sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich würde mich freuen, davon zu hören.

Gefahr durch heilige Bücher - Andacht im Gemeindebrief Dezember 2005

„Gott wird Mensch, dir Mensch zu gleich". So heißt es in einem alten Weihnachtslied. Wir Christen verstehen das so: Gott wird mit uns Menschen solidarisch, er leidet mit uns, er leidet für uns, er lässt sich töten und lebt danach dennoch für uns Menschen erfahrbar weiter. So zeigt Gott uns seine Liebe. Er schenkt uns weiterhin seine Kraft und Energie, wenn wir beten, er schickt uns seine Schutzengel und seine Traumbotschaften.

„Gott (Allah) kann nicht Mensch werden", sagen die gläubigen Muslime. Diese Vorstellung wäre eine Gotteslästerung. Trotzdem feiern viele muslimische Kinder in unseren deutschen Kindergärten und Schulen die Advents- und Weihnachtszeit mit. „Wir haben kein Problem, dass wir den Geburtstag des wichtigen Propheten Jesus feiern", so sagen die muslimischen Eltern.

Es gibt also starke Gegensätze, aber auch Berührungspunkte zwischen den beiden Religionen. Im Mittelalter glaubten die Christen, ihr heiliges Buch, ihre Bibel, wäre das direkte Wort Gottes; und so wurden alle Ketzer und Andersgläubigen bekämpft. Erst später, etwa ab 1800, wurde die Macht der Kirchen durch aufgeklärte Obrigkeiten eingeschränkt, und an den staatlichen Universitäten wurde eine bibelkritische Theologie entwickelt. So kann heute der „Schatz im Acker" neu entdeckt werden: die heilsamen Kräfte der biblischen Botschaft unter vielen auch gefährlichen Wegweisungen.

Diese Schritte haben die Muslime noch vor sich. Die meisten Muslime vertreten noch heute die Meinung, ihr heiliges Buch, der Koran, wäre die endgültige Offenbarung Gottes; etliche ziehen daraus den Schluss, dass deshalb alle „Ungläubigen" bekämpft werden müssten. Dadurch wird diese Religion heute zu einer Quelle von Krieg und Terror. Es ist deshalb zu hoffen, dass sich auch in den islamischen Ländern eine eigene Aufklärungsbewegung entwickelt, die die kritische Betrachtung des Koran ermöglicht. Dann könnte auch hier der „Schatz im Acker" gefunden werden.

Das wünsche ich mir für die Zukunft.